Tag 3 der WM: Mit Charme und Schere

 

Für die Leser auf www.wochenendspiegel.de gibt es zur Ski-WM in Oberstdorf einen exklusiven Service. Eric Frenzel schreibt ein WM-Tagebuch. Foto: privat

 

Für die Leser auf www.wochenendspiegel.de gibt es zur Ski-WM in Oberstdorf einen exklusiven Service. Eric Frenzel schreibt ein WM-Tagebuch, schildert seine Eindrücke und verrät, was passiert, wenn die Fernsehkameras ausgegangen sind. Eric springt von den Schanzen, kämpft in den Loipen und greift dann in die Tasten. Für den Wochenendspiegel wird der King of NoKo zum Triathleten.

Mit Charme und Schere

Von Eric Frenzel

Noch am Abend setzten nach dem Staffelsilber bei einer feierähnlichen Runde im Hotel die ersten Diskussionen ein, welche wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Maßnahmen hinsichtlich der noch ausstehenden Wettkämpfe ergriffen werden könnten, um den Norwegern den weiteren Zugriff auf Medaillen zu erschweren.

Björn Kircheisen brachte sich dabei ungewollt als Vorlagengeber ein, als er aus seinem Wohnort aus Aschau am Chiemsee neben der Gratulation per whatsapp bemerkte, dass wir wohl die langhaarigste deutsche Kombi-Staffel der Geschichte gewesen seien; dies in Anspielung darauf, dass wir durch die coronabedingten Friseurgeschäftsschliessungen neben den guten Sprung-und Laufleistungen auch durch wallende Haarpracht aufgefallen seien.
Dies führte am Abend vor dem Kamin zu einer erhitzten Diskussion, zumal mir aufgefallen war, dass die Norweger im Gegensatz zu unserem Team sehr kurzhaarig unterwegs waren. Mehrheitlich waren wir der Auffassung, dass längere Haare grundsätzlich mehr Windwiderstand nach sich ziehen müssten und sich die Norweger entscheidende Meter und Sekunden auf der Schanze und in der Loipe allein durch ein paar Zentimeter kürzere Haare sozusagen „erschnitten“ hätten.
Mehrheitlich wurde der Mannschaftsbeschluss gefasst, einen der Assistenztrainer zu beauftragen, zu recherchieren, ob in Norwegen während der Pandemie die Friseursalons geöffnet waren und wenn nein, ob es Verstöße dagegen gab durch das heimliche Herrichten von windschnittigen Frisuren innerhalb des norwegischen Teams. Die Verschwörungstheoretiker rund um den Bundestrainer bekamen sofort Oberwasser, weil ihnen schon immer klar gewesen wäre, dass norwegische Siege nicht ohne etwas Verbotenes oder Widriges hätten entstehen können.
Die Realos in der Mannschaft schafften es dann, die Diskussion schnell dahin zu lenken, welche Maßnahmen nun zu ergreifen wären, angesichts des neuen Erkenntnisstandes. Sich ausschließlich mit der Zukunft zu beschäftigen, als in der Vergangenheit zu wühlen, war dann schließlich auch mehrheitsfähig, mit dem Ergebnis, dass der Assistenztrainer sich dann doch lieber damit zu beschäftigen hätte, wie die deutsche Mannschaft ordentliche WM-Frisuren erhalten könnte.

Am späten Abend war dann mit der äußerst umsichtig agierenden Hotelleitung geklärt, dass am nächsten Morgen eine mobile Friseurdienstleistung im Hotel in Anspruch genommen werden könnte; dies natürlich im Rahmen aller Sicherheitsbestimmungen mit Maske und Abstand. Erleichtert nahm ich meinem Termin für meinen persönlichen Haarschnitt um 10. 30 Uhr entgegen. Einstimmig votierten wir dann noch dafür, dass besagte Friseurdienstleistung durch eine weibliche Hand zu erfolgen hätte, ohne richtigen Grund, einfach so aus Intuition und weil es gut tut.

Nachdem ich mich für eine “Vier Meter weiter und drei Sekunden schneller“-Schnittvorlage entschieden hatte und diese von der besagten Hand professionell umgesetzt wurde, ging ich in dem Bewusstsein zum Mittagessen, dass die norwegische Siegesserie nunmehr der Geschichte angehören würde und bedauerte, dass Altmannschaftsmitglied und ARD-Neukommentator Ronny Ackermann nicht mehr unter den WM-Haarschneidebeschluss gefallen war.

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