Textilbranche zieht Bilanz

Andreas Böhm und Frizzi Seltmann arbeiten im Versuchsfeld „Textilfabrik der Zukunft“ am Sächsischen Textilforschungsinstitut (STFI) in Chemnitz. Im Rahmen des Forschungsprojekts “futureTEX” werden dort praxisnahe Lösungen zur vernetzten und automatisierten Fertigung entwickelt sowie gemeinsam mit Unternehmen diskutiert und getestet. Foto: STFI / W. Schmidt

Textilbranche: Nadelarbeit 4.0

Von Sven Günther
Chemnitz. Die Stoffe messen die Herzfrequenzen von Piloten, den Blutzuckerspiegel von Patienten und können über Sensoren Rückenschmerzen lindern. Gewebte Materialien heizen Autos mit wärmeneutralen Elektromotoren, sorgen für Individualität in Fahrzeug-Innenräumen.
Die Textilindustrie hat sich von der Nadelarbeit zu einer Hi-Tech-Branche entwickelt, in der 16.000 Menschen in den ostdeutschen Bundesländern arbeiten. Stieg der Umsatz von 2016 zu 2017 um drei Prozent auf 1,87 Milliarden Euro, trübt sich die Lage jetzt ein.
„Unsere Branche hat sich 2018 weniger dynamisch entwickelt als erwartet. Nach einem guten Start sind die Umsätze vieler Firmen im zweiten Halbjahr kontinuierlich gesunken. Noch liegen die exakten Zahlen nicht vor, doch das Ergebnis vom Vorjahr werden wir nur mit Mühe erreichen. Wir hoffen auf eine schwarze Null“, erklärte Dr.-Ing. Jenz Otto, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V. (vti). Die Gründe: Weniger Nachfrage seitens der Automobil-Industrie, teurere Rohstoffe und steigende Energiekosten. Das Hauptproblem bleibt der Mangel an Fachkräften in allen Bereichen.

Für vti-Geschäftsführer Dr. Peter Werkstätter steht fest: „Die Zeit der Larmoyanz ist vorbei. Wir dürfen nicht länger über den Fachkräftemangel jammern. Wir müssen ihn schnell in den Griff bekommen.“
Fachkräftemangel. Auch in der Textilindustrie liegt hier das Hauptproblem. 150 offene Stellen in allen Bereichen, jährlich 50 bis 60 offene Lehrstellen. Die Lücke, die in Rente gehende Arbeitnehmer reißen, ist kaum noch zu schließen. Werkstätter: „Asylbewerber allein bringen und dabei nicht weiter. Wer das glaubt, irrt gewaltig. Wir benötigen auch Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland.“
Bei einer Pressekonferenz im Hotel Chemnitzer Hof nannte er neben Polen und Tschechien auch Rumänien, Bulgarien, Indonesien und Vietnam. Höchsten drei bis fünf der 16.000 Beschäftigten der Branche kommt aktuell aus dem Ausland.
Seine Forderung: „Was die Beschäftigung von Flüchtlingen oder Asylsuchenden betrifft, so mahlen die Mühlen von Gesetzgebung und Bürokratie hierzulande eindeutig zu langsam. Unsere Betriebe benötigen ebenso Planungssicherheit wie die arbeits- und ausbildungswilligen Ausländer. Wer eine dreijährige Berufsausbildung absolviert, muss anschließend zumindest für zwei Jahre das Recht haben, in Deutschland arbeiten und leben zu dürfen.“
Die Peppermint Gruppe (600 Mitarbeiter) mit Standorten u.a. in Chemnitz, Rodewisch und Wilkau-Haßlau geht mit gutem Beispiel voran, bildet gegenwärtig 25 Lehrlinge aus, von denen acht einen Migrationshintergrund haben. Darunter Azubis aus Afghanistan und Syrien.
Personalchef Tino Vordank: „Es ist eine moralische Frage, auch diesen Menschen eine Perspektive zu geben. Die ausländischen Jugendlichen erfahren große Solidarität und Hilfsbereitschaft, beispielsweise bei der Wohnungssuche oder bei der Bewältigung des Arbeitsweges. Nach unseren Erfahrungen sind für die Auszubildenden mit ausländischen Wurzeln mangelnde Deutschkenntnisse und noch fehlendes Fachwissen die größten Hürden.“
Laut vti-Geschäftsführer Dr. Peter Werkstätter ist sind die Firmen weiter bemüht, Langzeitlose wieder einzugliedern und Berufspendler aus den alten Bundesländern zurückzugewinnen. Aber auch das allein wird nicht genügen. Es braucht ein Bündel an Maßnahmen.
Man hofft auf den Nachwuchs, ist zum Beispiel bemüht, junge Textil-Ingenieure, die in Liberec (Tschechien) in großer Zahl ausgebildet werden, in die Region zu holen.
Ein wichtiger Punkt, um im Kampf um junge Leute erfolgreich zu sein, ist das geplante Ausbildungs-Kompetenz-Zentrum in Plauen, wo als erster Schritt ein 10 Millionen Euro teures Technikum gebaut wird.

Mit moderner Anlagentechnik entstehen in der Norafin Industries (Germany) GmbH, Mildenau, Vliesstoffe für ganz unterschiedliche Anwendungen in Bereichen wie Mobil-, Schutz- und Heimtextilien. Foto: W. Schmidt

 

 

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