Über Sachsen: Buchlesung und Diskussion in der Freiberger Petrikirche

Auf Einladung des Netzwerkes „Freiberg für alle“ stellte Frank Richter am 24. Juli in der Petrikirche Freiberg sein Buch „Gehört Sachsen noch zu Deutschland“ vor

„Auch wir riefen damals ‚Wir sind das Volk‘, doch heute wird mir anders, wenn ich diese Rufe wieder montags durch Dresden schallen höre.“
Mit diesen Worten leitet Frank Richter, wichtiger Akteur der Friedlichen Revolution 1989 in Dresden, den Abend ein. Standen die Worte damals für den Wunsch nach Einigkeit, Frieden und Demokratie, so verbindet er sie heute eher mit Hass, Ausgrenzung und Gewalt verbunden und skandiert.
Die Petrikirche in Freiberg ist bis auf den letzten Platz gefüllt, einige müssen sogar stehen. Viele stadtbekannte Gesichter sind unter den Anwesenden, Alt und Jung mischt sich. Das Thema „Wie stabil ist unsere Demokratie“ scheint die Freiberger zu bewegen.
Frank Richter hat ein Buch geschrieben, „Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“ und erörtert im Dialog mit Pfarrer Dr. Michael Stahl wesentliche Inhalte. Insbesondere die Entwicklungen in Sachsen während der 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution werden thematisiert und Ursachen gesucht, warum völkisches, autoritäres und nationalistisches Denken heute wieder zunehmend Verbreitung findet. Herr Richter legt sehr klar mögliche Ursachen dar, spricht den Bevölkerungsschwund im Osten an, die Frage nach Sinn innerhalb des Kapitalismus und das Problem, dass im Gegensatz zu Westdeutschland im Osten die Überführung in die Demokratie zunächst einmal mit Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und zerrissenen Lebensläufen begann. Kein guter Start, wie er sagt. „Jammer-Ossi“ ist ein Begriff, den er nicht angebracht findet – die Verluste der Ostdeutschen solle man dennoch anerkennen und der Blick in die ostdeutsche Geschichte hilft, aktuelle Entwicklungen einzuordnen.
Deutliche Worte findet er, als es um die Inhalte und politische Richtung der erstarkenden rechten Kräfte geht. „Es ist klar, in welche Richtung es geht. Sie sagen es uns selbst, mit Parteiprogrammen, mit ihren offiziellen Anfragen. Das Abstammungsprinzip wird wieder wichtig, Einschnitte ins kulturelle Leben und bei der Integration werden geplant. Das hat mir konservativ-bürgerlich nichts mehr zu tun.“ Auf seine Einschätzung, dass deshalb heutzutage erhöhte Aufmerksamkeit angebracht ist, folgt Applaus. Dennoch warnt er davor, diese Kräfte pauschal und vorschnell mit dem Begriff „Rechtsextremismus“ zu belegen, oder die Akteure als „Nazis“ zu bezeichnen. Er spricht stattdessen von „Gegnern der Demokratie, die sich diese zwar auch auf die Fahnen schreiben, aber mit diesem Begriff etwas anderes, autoritäres, völkisches meinen.“
Wie gefährdet ist also die Demokratie und was kann man tun? Herr Richter vertritt die Meinung, dass auch die beste politische Ordnung nichts nützt, wenn wir uns als Gesellschaft nicht entsprechend verhalten, diese Ordnung mit Leben füllen und auch verteidigen. Er appelliert daran, nicht mit der Demokratie zu spielen und richtet dabei auch scharfe Worte an alle Parteien. Misstrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik, die zu oft vor wirtschaftlichen Kräften einknickt, solle man versuchen abzubauen. Die kommunale Ebene und deren Akteure empfindet er dabei als wichtig, mahnt Transparenz bei politischer Entscheidungsfindung und die Einbeziehung der Bürger an. Er wünscht sich zudem mehr finanziellen Spielraum für die Kommunen, denn „Freude an der Demokratie kommt, wenn man wirklich etwas entscheiden darf und auch kann.“
Zum Schluss wird die Rolle der Kirche in der heutigen Gesellschaft thematisiert. Als ehemaliger Pfarrer ermutigt Frank Richter dazu, die Kirche wieder verstärkt zu einem Ort des Zuhörens zu machen, in einer Zeit, in der „wir uns oft Argumente nur noch wie Waschlappen um die Ohren hauen, statt uns zu öffnen und zuzuhören“.
Nach Ende des Dialoges zwischen Pfarrer Stahl und Frank Richter ist eine der ersten Wortmeldungen aus dem Publikum ein großes Lob auf die Veranstaltung, die als wichtiger Schritt hin zu einem dringend benötigten politischen Dialog in Freiberg wahrgenommen wird. Die Sitzordnung, bei der Dr. Michael Stahl und Frank Richter nicht von einem Podium herab sprechen, sondern innerhalb der Zuhörer sitzen und auf Augenhöhe agieren, findet Zustimmung.
Die anschließende Fragerunde deckt ein breites Spektrum an Themen ab, es wird sowohl über die Chancen einer zukünftigen Minderheitsregierung in Sachsen gesprochen, Probleme durch jahrelang ausbleibenden Wechsel politischer Kräfte thematisiert sowie die Frage gestellt, ob allein durch Betrachtung der Vergangenheit das Erstarken rechter Kräfte analysiert werden kann oder ob nicht auch politischen (Fehl-)Entscheidungen der letzten Jahre eine große Rolle zukommt, insbesondere während der Flüchtlingskrise. Auch hier findet Frank Richter klare Worte, bezeichnet beispielsweise die Öffnung für Flüchtlinge als humanitäre Notwendigkeit, kritisiert aber gleichzeitig die fehlende Kommunikation und die fehlende Unterstützung der Kommunen durch die Bundesregierung in der Hochphase der Krise. Demokratien seien nicht fehlerfrei, erkennt er an und verweist auch auf die Schwierigkeit und Langsamkeit bei der Ordnung komplexer politischer Sachverhalte wie dem Asylrecht.
Auch andere Fragen laden dazu ein, die Chancen und Probleme der Demokratie weiter zu erörtern. Ein Student bemängelt die fehlende Möglichkeit, an der Universität heutzutage politisch aktiv zu werden, da das Credo der „Unpolitischkeit“ der Universität vieles im Keim erstickt. Herr Richter nickt und nutzt diese Kritik, um ausführlich noch einmal auszuführen, wie wichtig es sei, Demokratie auch zu üben und zu trainieren. Nur so könne man verhindern, dass sie als politische Ordnung zunehmend degeneriert und ein Reflex hin zu radikaleren Ordnungen einsetzt. „Demokratien können scheitern, wir wissen das aus der Geschichte. Wenn wir sie nicht gestalten, macht es jemand anderes, Macht bleibt nicht auf der Straße liegen. Demokratie ist mit Verantwortung verbunden, sie ist anstrengend, sie setzt Bildung voraus – doch sie es wert, sie zu erhalten.“
„Warum eigentlich ausgerechnet ‚Sachsen‘ im Buchtitel, was macht uns so besonders?“ ist die letzte Frage des Abends. Unter Schmunzeln des Publikums führt Frank Richter aus, dass Sachsen doch nicht nur „irgendein“ Bundesland sei, sondern ein Freistaat mit kraftvoller Geschichte, das „Bayern des Ostens“. Schnell wird er wieder ernst und sagt, dass er diesen Stolz aber auch ambivalent sieht, da „Wertschätzung des Einen leider zu oft einhergeht mit Herablassung gegenüber dem Anderen und dem Fremden.“ Und so schließt sich wieder der Kreis zu Pegida und Co., mit denen der Abend begann.
Im Anschluss an die fast zweistündige Veranstaltung wurden Bücher signiert und an vielen Stellen lebhaft in kleineren Gruppen weiterdiskutiert, bevor es wieder hinaus in die Nacht ging. Die Veranstaltung wurde sehr positiv angenommen, Fortsetzungen mit weiteren Gesprächspartnern sind bereits in Planung und wir von „Freiberg für alle“ freuen uns auch, zahlreiche neue Unterstützer für unser Netzwerk gefunden zu haben. Danke an Frank Richter, Pfarrer Dr. Michael Stahl und alle weiteren Beteiligten, sowie die zahlreichen Besucher, die zu diesem interessanten Abend beigetragen haben! Text Julia Runge / Foto: Peter Kuckenburg

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