Uwe Kaettniß (GRÜNE): Wintersport wird kein wirtschaftlich tragfähiger Faktor mehr sein

Trommeln für die Sachsenwahl mit Uwe Kaettniß (GRÜNE)

Von Sven Günther
Region. Es wird eine Richtungswahl! Selten war der Gang zur Urne spannender, als er am 1. September sein wird. Bleibt die CDU stärkste Kraft in Sachsen? Wenn Ja, mit wem kann sie regieren? Wie stark wird die AfD, gewinnt sie vielleicht sogar? Was wird aus der schwächelnden SPD und den in Sachsen gegen den Trend eher schwachen Grünen? Gelingt in einem rot-rot-grünen Dreierbund ein Regierungswechsel? Welche Rolle wird die FDP einnehmen? Können die Freien Wähler wie in Bayern eine Rolle spielen?

Wer sich traut, darf für sich trommeln! Dieses Angebot macht der WocheENDspiegel sächsischen Landtagskandidaten. Sie beantworten kritische Fragen unserer Journalisten.

Heute: Uwe Kaettniß, der für die GRÜNEN im Wahlkreis Erzgebirge 2 antritt. Er ist Maler, Berufskraftfahrer, Betriebswirt & Wirtschaftswissenschaftler.

Hier geht es zum Trommel-Wirbel von Uwe Kaettniß

Was haben Sie eigentlich gegen Skifahrer?

Nichts. Im Gegenteil, ich finde Skifahrer cool, denn sie können etwas, was ich leider nicht beherrsche, aber gerne könnte. Wieso fragen Sie das?

Weil Ihre Partei permanent verhindert, dass am Fichtelberg neue Lifte gebaut werden, obwohl in Tschechien die Anlagen wie Pilze aus dem Boden schießen, Gift in den Schnee gemischt wird, damit er länger liegen bleibt. Stellen Sie sich so die EU vor?

Das ist schlicht falsch. Meine Partei verhindert in dieser Angelegenheit gar nichts. Weder sind wir an den Entscheidungsprozessen beteiligt, noch haben wir sonst irgendwelche Initiativen gegen die Liftanlagen ergriffen. Die Entscheidungen über Baumaßnahmen – gleich welcher Art – werden in Deutschland von Behörden getroffen, die an geltendes Recht gebunden sind.
Wenn eine Liftanlage in Oberwiesenthal nicht genehmigungsfähig ist, liegt das nicht an einer Intervention durch uns Grüne, sondern daran, dass das Bauvorhaben nicht mit den in Deutschland geltenden Gesetzen in Übereinstimmung zu bringen ist. Tschechien handelt anders als Deutschland, das ist gar keine Frage, dort haben Umweltaspekte offensichtlich im rechtlichen Regelwerk eine andere Priorität.
Aber ich glaube wir sind als Deutsche gut beraten in der Bewertung der tschechischen Strategien zurückhaltend zu sein. So wie wir souverän unsere Angelegenheiten regeln wollen, wollen das unsere Nachbarn auch. Dabei wird es Irrwege und Lernprozesse geben, auf der sächsischen und auch auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. Wir werden beide daraus lernen, zukunftsfähige Projekte zu entwickeln.

Gegen Lifte wird argumentiert, gegen Windräder nicht, obwohl die zum Beispiel den streng geschützten Rot-Milan häckseln. Auch ein Wiederspruch oder sehe ich das falsch.

Ja, das sehen Sie falsch. Es gibt in Deutschland eine breite, fachlich anspruchsvolle und emotional aufgeladene Debatte um die negativen Auswirkungen der Stromerzeugung durch Windräder. Ohne jeden Zweifel sterben an Windkraftanlagen Vögel und Fledermäuse. Und genau so wenig zweifelhaft ist, dass wir alles tun müssen um diese Folgeschäden der Energieerzeugung so gering wie möglich zu halten.
Wir sächsischen Grünen haben deshalb schon vor Jahren Beschlüsse gefasst, die eine Windkraftnutzung in Gebieten von besonderer Bedeutung für den Artenschutz unmöglich machen soll. Übrigens auch dort, wo das Landschaftsbild besonders beeinträchtigt würde.
So wichtig die Debatte um eine umweltgerechte Ausgestaltung von alternativer Energieerzeugung ist, darf diese aber nicht die Frage überdecken, welche Schäden an Flora und Fauna entstehen, wenn wir Energie erzeugen wie bisher. Ein Braunkohletagebau beispielsweise macht das Leben von ALLEN Tieren und Pflanzen auf Jahrzehnte unmöglich. Und wenn wir bei den Auswirkungen  auf Vögel sind, werden wir wohl auch den Sachverhalt beachten müssen, dass allein an Glasfassaden pro Jahr etwa 18 Millionen Vögel sterben und im Autoverkehr etwa 10 Millionen.
Nach den Erfassungen der Vogelschutzwarten in Deutschland stehen dem rund 30 tote Rotmilane und 35 getötete Mäusebussarde an Windkraftanlagen gegenüber. Selbst wenn die Dunkelziffer hundertfach höher sein sollte, steht dies in keinem Verhältnis zu den anderen Faktoren, an den Vögel sterben. Und dabei sprechen wir jetzt nicht einmal über die Folgen der industriellen Landwirtschaft, die enorm vielen Vögeln die Lebensgrundlage entzieht.

Dem MDR haben Sie verraten, dass sie sich für die zukunftssichere Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Erzgebirge durch aktive Begleitung des Strukturwandels einsetzen. Welche Strukturen sollen sich denn in der Region ändern? Ach ja…. Kein Wintersport mehr….??

Entschuldigen Sie bitte, aber die Frage ist falsch gestellt: es geht nicht darum, was ich denke, welche Strukturen sich ändern sollen, sondern darum, welche Veränderungen bereits in Gang sind und welche sich mit hoher Wahrscheinlichkeit einstellen werden, und wie wir auf diese Veränderungen politisch reagieren, um wirtschaftlich zukunftsfähig zu werden.
Unsere Heimatregion ist in wirtschaftlicher Hinsicht eine Zulieferregion für die Automobilindustriestandorte in Zwickau, Leipzig und Chemnitz. Diese Industrie befindet sich in einem fundamentalen Wandel. Den Anfang macht VW mit dem Standort Mosel/Zwickau, an dem in Zukunft ausschließlich elektrisch angetriebene Fahrzeuge produziert werden.
Dies erfordert auch eine Umstellung der Produktion der Zulieferindustrie. In Zukunft werden völlig andere Produkte und Komponenten benötigt, als unsere erzgebirgischen Firmen derzeit herzustellen in der Lage sind. Darauf ist unsere Heimatregion bislang schlecht vorbereitet. Weder gibt es in den hiesigen Firmen einen nennenswerten Bereich an Forschung und Entwicklung, noch sind die Firmen in der Lage mit ihrem geringen Eigenkapital die notwendigen Investitionen für die Zukunft zu leisten. Dazu kommt der Bedarf an Weiterbildung und Qualifizierung für die Mitarbeiter unserer heimischen Unternehmungen, um den Herausforderungen des wirtschaftlichen Wandels gewachsen zu sein.
Notwendig ist also ein Investitionshilfeprogramm für die Unternehmen und eine Fortbildungsinitiative für die Mitarbeiter. Wenn wir beides staatlich begleiten und stützen, können wir auch die Herausforderungen meistern.

Ich hatte den Wintersport in Ihrer Frage beinahe vergessen: er wird kein wirtschaftlich tragfähiger Standortfaktor mehr sein. Alle wissenschaftlich fundierten Prognosen der klimatischen Entwicklung zeigen an, dass es im Erzgebirge kurz-, mittel-, und langfristig zu einem akuten Verlust an Schneeperioden kommen wird.
Der klassische Wintertourismus wird zum Ausnahmefall werden. Ohnehin trägt der Tourismus bislang lediglich 4 Prozent zur Wirtschaftskraft unseres Landkreises bei. Deshalb wird es sehr darauf ankommen touristische Angebote zu entwickeln, die die wirtschaftliche Basis für Tourismusunternehmen über das ganze Jahr sichern können. Wir Bündnisgrünen haben von Beginn an das Welterbeprojekt „Montanregion Erzgebirge“, welches jetzt erfolgreich zum Titel geführt wurde, von Anfang an unterstützt. Dort liegt das Potenzial für einen erfolgreichen Tourismus, der das ganze Jahr über funktioniert.
Die Tourismuswirtschaft ist da übrigens auf einem guten Weg. Es werden Angebote für Kulturtouristen, aber auch für Radfahrer, Wanderer, Reiter, entwickelt und immer stärker angeboten. Wir Grüne werden das weiterhin politisch mit allen Kräften unterstützen.

 In den Städten werden die GRÜNEN immer stärker, sind teilweise stärkste Kraft. Im ländlichen Raum tut sich Ihre Partei schwer oder ist schwach. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Gibt es im Erzgebirge zu wenige Verfechter des'”Veggie-Days?”

Die Stärke der Grünen im urbanen Raum hängt direkt zusammen mit der relativen Schwäche im ländlichen Raum. Viele junge Menschen, die sich politisch zu den Grünen bekennen, ziehen in die Großstädte, weil sie sich dort soziokulturell zu Hause fühlen. Und weil sie dort lernen, studieren, Partner finden, leben bleiben.
Das ist völlig in Ordnung für den Einzelnen. Würden wir einmal betrachten, wo die Grünen geboren wurden und aufgewachsen sind, würden wir sehen, dass es fast kein Stand-Land- Gefälle gibt. Der Veggie-Day spielt dabei keine Rolle. Der ist nur ein Beispiel dafür, dass es uns nicht immer gelingt, politische Inhalte verständlich zu kommunizieren.

Sie kritisieren die Politik der CDU der letzten Jahre zum Teil massiv. Sie würden aber, wenn es darum gehen würde, zu regieren, den Christdemokraten die Hand reichen?

Was haben Sie denn erwartet, dass wir die Politik der CDU kritiklos begrüßen? Wir haben einen gestalterischen Anspruch jenseits der CDU, wir bieten politische Inhalte und Ideen an. Der Wähler und Wählerinnen in Sachsen können sich dann entscheiden. Wenn das Wahlergebnis dazu führt mit der CDU über ein Regierungsbündnis zu sprechen, wird es mit Sicherheit nicht darum gehen die Hand zu reichen, sondern ganz praktisch Projekte auszuhandeln, die dem politischen Gestaltungsanspruch von allen Regierungsparteien gerecht werden.
Der Maßstab dafür ist eine Politik, die den Menschen unserer Heimat auch auf lange Sicht nützt, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Wenn das in einer Koalition umgesetzt werden kann, ist eine Regierungsbildung mit allen demokratischen Parteien denkbar.

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