Von der Zwangsehe zur Kronjuwelen-Hochzeit

Mittlerweile seit 75 Jahren sozusagen verheiratet – die damaligen eigenständigen Städte Annaberg und Buchholz
Fotos: Sven Günther, André Kaiser, pixabay

Annaberg-Buchholz. Heute (1. Juli) jährt sich zum 75. Mal jener Tag, an dem die damals selbstständigen Städte Annaberg und Buchholz zur Stadt Annaberg-Buchholz zusammengeschlossen wurden. Anlässlich dessen lädt ab sofort eine Sonderausstellung in die Galerie am Frohnauer Hammer ein. Unter der Überschrift „75 Jahre Stadt Annaberg-Buchholz“ widmet sie sich der Vereinigung sowie der Besonderheiten der beiden Städte. Geöffnet ist die Ausstellung täglich außer Montag in der Zeit von 9 bis 16 Uhr.
Zudem wird am heutigen Mittwoch (1. Juli) ab 18 Uhr auf dem Facebook-Kanal der städtischen Museen sowie auf dem Youtube-Kanal der Stadt ein historisch-musikalischer Beitrag zum Jubiläum der Vereinigung zu sehen sein. „Darin meldet sich eine kleine illustre Gesellschaft von drei stadtbekannten Annaberg-Buchholzern zu diesem Thema zu Wort. Das Jubiläum wird dabei informativ, kurzweilig, teilweise auch etwas frech bilanziert und resümiert“, erklärt hierzu Stadtsprecher Matthias Förster. Erzgebirgstypisch und in Form von Liedern werde das Verhältnis von Annabergern und Buchholzern beleuchtet und die Eigenheiten beider Städte sowie kleine Frozzeleien genannt und dabei auch etwas auf die Schippe genommen.

Zwangshochzeit am 1. Juli 1945
zur Geschichte (von Matthias Förster)

Gardemajor Nemow, der damalige sowjetische Stadtkommandant, verfügte damals die zwangsweise Vereinigung. Er wollte nicht mit zwei Stadtverwaltungen zusammenarbeiten. Landrat Kögelsberger, der Empfänger seines Befehls, erließ daraufhin am 30. Juni 1945 eine Verfügung über die Vereinigung von Annaberg und Buchholz. Einen Tag später trat sie am 1. Juli 1945 in Kraft. 1947 stimmte der Kreistag Annaberg, 1948 auch der sächsische Landtag der Vereinigung zu. Am 10. Dezember 1948 wurde das Gesetz zum Zusammenschluss der Stadtgemeinden Annaberg und Buchholz durch die Landesregierung Sachsen veröffentlicht.

Die lange Trennung hat starke historische Wurzeln. Annaberg und Buchholz wurden 1496 bzw. 1501 in zwei Ländern, im albertinischen und im ernestinischen Sachsen gegründet. In Buchholz wurde der Protestantismus bereits 1524 eingeführt, in Annaberg erst 1539. Auch nach dem Ende des Schmalkaldischen Krieges im Jahr 1547 und der Übertragung der Kurwürde auf die albertinische Linie der Wettiner blieben beide Städte selbstständig.

In den folgenden Jahrhunderten waren beide Kommunen oft rivalisierende Schwestern. Dabei war die fünf Jahre ältere Schwester Annaberg meist im Vorteil. Sie war die größere und reichere Stadt, hatte mehr Bewohner und mehr Bedeutung.

Nach der Einführung der Gewerbefreiheit in Sachsen (1861), dem Anschluss an die Eisenbahn (1866) und insbesondere nach dem gewonnenen deutsch-französischen Krieg (1871) kam es allerdings auch in Buchholz zu einer geradezu boomhaften Entwicklung. Die Buchholzer Kartonagen- und Posamentenindustrie erlangte Weltgeltung und weitere Branchen entstanden. Beide Städte wuchsen durch neue Betriebe und Gebäude dadurch auch baulich zusammen. An der ehemaligen Bismarckstraße, heute Straße der Einheit, trafen Annaberg und Buchholz aufeinander. Die Grenze zwischen beiden Kommunen war nun im Stadtbild kaum noch zu erkennen. Pragmatiker schlugen deshalb am Anfang des 20. Jahrhunderts vor, dass sich beide Städte zusammenschließen. So erhielt z. B. die am 4. Januar 1909 eingeweihte Berufsschule der Posamentierer den zukunftsweisenden Namen „Posamentenfachschule Annaberg-Buchholz“.

Im Jahr 1914 kam es zu ersten Gesprächen über eine Vereinigung der Städte. Am 1. April 1921 stand diese Frage auf der Tagesordnung der Annaberger Stadtverordneten. Eine Verschmelzung beider Kommunen wurde dabei aber mit 18 zu 13 Stimmen abgelehnt. In den zwanziger und dreißiger Jahren befassten sich die Gremien der beiden Städte noch mehrmals mit dem Thema, ohne eine Einigung zu erzielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erzwang der genannte russische Offizier schließlich die Vereinigung per Befehl.

Heute besteht ein eher entspanntes Verhältnis zwischen Annabergern und Buchholzern. Seit einem Dreivierteljahrhundert gibt es eine gute Zusammenarbeit. Gelegentlich hört man noch Sprüche wie „Das Schönste an Annaberg ist der Blick nach Buchholz“ oder umgekehrt. Allerdings ist bei einigen Buchholzer Bürgern ein besonderer „Nationalstolz“ zu beobachten. Sogar eine eigene „Nationalhymne“ gibt es „In Buchholz, do is schie…“. Allerdings haben auch die Annaberger eine Art „Stadthymne“: „Grüß Gott, mei liebes trautes Annebarg…“.

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