Was wollen wir Chemnitzer? Ein Kommentar

Nach den letzten zwei Tagen bleiben vor allem Fragezeichen. Foto: Pixabay

Ein Kommentar von Katrin Uhlmann

Am Montagabend fanden zwei Ereignisse in Chemnitz statt. Im smac wurde eine Sonderpublikation des Chemnitzer Geschichtsvereins zum 875. Jubiläum der Stadt Chemnitz vorgestellt. Ein paar hundert Meter, beim Karl-Marx-Monument, standen sich rechte und linke Demonstranten gegenüber. Es war gespenstig, wieder und wieder liefen Gruppen von dunkel gekleideten jungen Männern am smac vorbei, Polizeiautos fuhren vor dem smac auf, martialisch anmutende Polizisten bezogen Stellung.

Was war geschehen? Das Stadtfest wurde von einem Toten überschattet. Schon beim letzten Stadtfest hat es Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Ausländern gegeben. Doch dieses Mal eskalierte es. Gerüchte machten schnell die Runde, dass eine Frau sexuell belästigt wurde und das man ihr zu Hilfe kam, woraufhin die Messer gezückt wurden und natürlich sollen es Flüchtlinge gewesen sein. Letzter Punkt bestätigte sich am Montag, erster nicht.

Erst rief die AfD zu einer Minikundgebung auf, der allerdings nur wenige folgten. Über die sozialen Netzwerke startete die rechte Ultra-Gruppe Kaotic einen Aufruf: „Lasst uns zusammen zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat!“ Gegen 16.30 Uhr sammelten sich etwa 800 Personen am Nischel, um dann durch die Stadt zu ziehen. Die Polizei war unterbesetzt und restlos überfordert, wieder eskalierte die Situation und es wurde Jagd auf Menschen gemacht, die nicht irgendwie deutsch aussahen. Vier Verletzte hat es gegeben, davon drei Ausländer. Zuvor war das Stadtfest aus Sicherheitsgründen abgebrochen worden. Erst hieß es Pietätsgründen, um die Besucher, die sich zu Tausenden in der Innenstadt befanden nicht zu verunsichern und um eine Panik zu vermeiden.

Dann der Montag, Pro Chemnitz, verschiedene rechte und rechtsradikale Gruppen hatten zu einer Demo aufgerufen, Chemnitz Nazifrei zu einer Gegendemonstration. Und wieder kam es zu unschönen Szenen, Gewaltausbrüchen und zu Verletzten. Während dessen im smac die Autoren des Buches „Chemnitz – Streiflichter der Stadtgeschichte“ ihre Beiträge vorlasen. Über die Ersterwähnung eines „locus kameniz“ und die Verleihung des Marktrechts an das Kloster im Jahre 1143, dann ein Blick in die Renaissance – der Umbau des Klosters zu einem Schloss. Dann die Zeit der Industrialisierung, welche unsere Stadt so nachhaltig prägte. Aber auch lustige Geschichten am Rande, dass es den Arbeitern der Steinbrüche ausdrücklich erlaubt war, während der Arbeit zu trinken. Auch nachdenkliches gab es – „Das Ruinengeschirr“ – ein Blick auf die Nachkriegszeit und den Wiederaufbau unserer Stadt.

All dies während ein paar hundert Meter weiter rechte und linke Demonstranten protestierten? gedachten? randalierten? Ging es eigentlich überhaupt noch um den Toten? Wir Chemnitzer sollten uns fragen, was wir wollen. Wollen wir mit Stolz auf die vielfältige und reiche Geschichte unserer Stadt blicken, auf das was wir und unsere Vorfahren geleistet haben oder wollen wir uns von sogenannten Demonstranten und Demotouristen vereinnahmen lassen, die einen Toten benutzen, um ihre politischen Botschaften zu transportieren?

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