Welterbe, Wirtschaft, Klima & Koalition – Klartext im Advent

„Nur mit Windrädern wird es problematisch!“

Erzgebirge. Zum traditionellen Jahresgespräch standen Landrat Frank Vogel und Matthias Lißke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, den Chefredakteuren Sven Günther (WochenEndspiegel) und Olaf Seifert (ERZ.art) zur Verfügung.

2019 neigt sich dem Ende zu. Wagt der Landrat schon eine Bilanz?
Frank Vogel: Nicht abschließend, denn es war ein sehr bewegtes Jahr. Höhepunkt war sicher das Erreichen des UNESCO-Welterbetitels. Auch die Kommunal- und Landtagswahlen haben Veränderungen mit sich gebracht.
Insgesamt gesehen, fällt die Jahresbilanz sicherlich positiv aus. Im Bereich der Kreisstraßen haben wir beispielsweise wieder einige Baumaßnahmen realisieren können. Unzufrieden bin ich hingegen in punkto Staatsstraßen. Hier ist nicht wirklich was passiert.

Selbst öffentliche Protestbriefe an die Staatsregierung blieben wirkungslos…

Frank Vogel: Ja. Leider hat das zuständige Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit in seinem Zuständigkeitsbereich nicht umgesteuert. Wichtige Sanierungs- und Ausbauvorhaben wurden nicht angegangen. Da haben wir weiter wertvollen Boden verloren. Das macht es unseren Unternehmen, auch im Hinblick auf die konjunkturelle Entwicklung, nicht leichter, im Wettbewerb erfolgreich zu bestehen.
Wer mit Unternehmern spricht, merkt schon, dass die Zeiten des Höher, Weiter, Schneller vorbei sind. Wir müssen aufpassen, dass wir in ruhigem Fahrwasser bleiben.

Wirtschaft

Apropos Wirtschaft. Wie sehen Sie, Herr Lißke, die aktuelle Situation?

Matthias Lißke: Wir sind im Erzgebirgskreis mit vielfältiger Zuliefererindustrie ausgestattet, die auch von der Weltkonjunktur abhängig ist. Wenn es dort negative Einflüsse gibt, merken wir das auch in der Region. Es gibt deshalb bereits Entlassungen, wobei das Personal meist sofort wieder in einer anderen Firma anfangen kann.
Dennoch ist unsere Wirtschaft auf hohem Niveau. Wir hatten sehr gut Jahre und es war abzusehen, dass das nicht so weitergeht. Es wird sicher in einigen Bereichen der Zulieferindustrie zu Neuorientierungen kommen müssen. In Zweigen, die nicht am Automobil hängen, gibt es weiter starkes Wachstum. Viele Unternehmen investieren in Automatisierung und Innovationen. Auch kleine Betriebe müssen Anschluss finden, Prozesse digitalisieren.

Welterbe

Was bringt der Welterbetitel dem Erzgebirge, was kann und muss in der Region getan werden, um die Auszeichnung optimal zu vermarkten?

Frank Vogel: Der Welterbetitel ist für uns eine große Chance, um den Bekanntheitsgrad unserer Heimatregion national und weltweit noch weiter zu steigern. Daher hat auch der Tourismusverband Erzgebirge die Vermarktung übernommen.
Zudem wird uns die Tourismus- und Marketinggesellschaft Sachsen hinsichtlich des internationalen Marketings unterstützen. Ich rechne schon mit einer zunehmenden internationalen Aufmerksamkeit. Aber das ist ein Prozess, bei dem die Erfolge nicht sofort sichtbar werden. Wir müssen unseren Stolz auf die Region nach außen tragen und leben, die erzgebirgische Identität wahren, vor allem, indem wir Weltoffenheit und Freundlichkeit zeigen.
Der Welterbetitel hat nicht nur was mit toten Steinen und einer schönen Region zu tun, sondern vor allem mit fleißigen Menschen und der wirtschaftlichen Strahlkraft unserer Region. Der Titel hat einen hohen Wert, bringt aber auch eine große Verantwortung mit sich. Wir müssen es schaffen, Gäste zum Hierbleiben zu gewinnen.
Sie können Welterbe entdecken, aber auch die Region erkunden, Rad oder Ski fahren, sich erholen und das Erzgebirge genießen.

Matthias Lißke: Beim Welterbe sind wir in der Kategorie Kulturlandschaft. Es geht nicht nur um Denkmäler, sondern auch um die Menschen hier. Ich sage immer, weil es ja um den Bergbau geht, es ist eine Industriekulturlandschaft. Und deshalb hat das nicht nur Auswirkungen auf den Tourismus, sondern auch auf die wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Der Titel hat viel mit den Menschen und der wirtschaftlichen Entwicklung hier zu tun. Ich merke, dass aus dem Welterbe schon großes Selbstbewusstsein gewachsen ist.

Medial nicht annähernd begleitet wie das Welterbe wurde die bemerkenswerte Anerkennung der Wirtschaftsförderung Erzgebirge als „Kommune des Jahres” im Wettbewerb um den „Großen Preis des Mittelstands” unter immerhin 1.026 Nominierten aus fünf ostdeutschen Regionen. Was war dafür ausschlaggebend?

Matthias Lißke: Ich denke, unsere gute Kommunikation und unser gutes Standortmarketing. Außerdem zeigen wir Unternehmen Wege auf, wie man sich durch den Bürokratiedschungel schnell hindurchfindet, wie man schnell an Fördermittel und Genehmigungen kommt. Da gibt es viele Initiativen und Beispiele bei uns.

Bürokratie verursachen wir zum Großteil selbst

Stichwort Bürokratie. Von deren Abbau sind wir aber weit entfernt, oder?

Frank Vogel: Das Wort „Bürokratieabbau“ nehme ich schon lange nicht mehr in den Mund. Wenn man ehrlich ist, verursachen wir die Bürokratie doch auch zum Großteil selbst. Viele rufen nach Bürokratieabbau und fordern im gleichen Atemzug Regularien, wenn sie sich selbst benachteiligt fühlen.

Gemeinschaftsschule sprengt Stukturen

Die neue Landesregierung wird sicher weiter daran arbeiten. Sie, Herr Vogel, sind an den Koalitionsgesprächen beteiligt. Was dürfen die Menschen erwarten?

Frank Vogel: Es geht darum, diesen Freistaat weiter voran zu bringen. Da gilt es zwischen den drei möglichen Koalitionspartnern zu einer Vielzahl von Sachthemen Kompromisse zu finden. Ich bin froh, dass das Thema ländlicher Raum auf Bundes- und Landesebene offenbar angekommen ist. Man muss dabei immer wissen, dass es nicht um gleiche, sondern um gleichwertige Lebensverhältnisse geht. D. h. es wird immer auch Unterschiede zwischen den Ballungszentren und den ländlichen Räumen geben, beispielsweise im öffentlichen Personennahverkehr.
Auch in Sachen Bildung bleiben Unterschiede. So würde meines Erachtens die Gemeinschaftsschule im ländlichen Bereich die Schulstrukturen sprengen, weil es nicht genügend Lehrer und Schüler gibt, um gemeinsames Lernen bis zur 10. Klasse in vernünftigen Klassenstärken zu gewährleisten.
Übrigens muss klar sein: Die jetzt fehlenden Fachkräfte, wie z.B. Lehrer, haben ihre Ursache überwiegend in der demografischen Entwicklung in der Bundesrepublik in den letzten drei bis vier Jahrzehnten. Zudem wird dieses Problem mit dem zunehmenden Wunsch nach mehr Teilzeitjobs noch verschärft.

Matthias Lißke: Ich stimme völlig zu. Der Erzgebirgskreis ist hier ein Stück Vorreiter bei diesem Thema, weil wir von der höchsten Arbeitslosigkeit zur niedrigsten gekommen sind. Wir haben keine Reserven mehr. Wenn wir nicht die 4.000 Tschechen hätten, die jeden Tag pendeln, wäre es noch schlechter.
Für unsere Region brauchen wir Zuwanderung, müssen Menschen gegenüber, die bei uns leben und arbeiten wollen, offen sein. Ohne die, werden wir zum Beispiel in den Bereichen Pflege, Gastronomie oder Handwerk nicht mehr leistungsfähig sein. Die Köpfe sind einfach nicht da.
Wenn ich die paar Oberschüler sehen, die eine Lehre machen, reicht das vorn und hinten nicht. Deshalb ist es wichtig, Kampagnen wie „Karriere Dual” zu fahren. Man kann auch nach einer Lehre Karriere machen, mehr verdienen, als mancher Akademiker.

Wir spielen mit der Wirtschaft, dass ist gefährlich

Zur 2019er-Summer Lounge der Wirtschaft sicherte Ministerpräsident Kretschmer dem ländlichen Raum weitere Unterstützung zu. Was erwarten Sie, Herr Landrat, konkret?

Frank Vogel: Wir wollen unsere Handlungsspielräume ausschöpfen, mehr regionale Verantwortung bekommen. Energiepolitik darf nie zu Lasten der ländlichen Räume gehen. In Chemnitz wird wohl kaum ein Windrad gebaut werden. Es wäre auch nötig, in der Diskussion um Umwelt- und Klimaschutz mehr Augenmaß walten zu lassen.
Wir können uns 2019 nicht hinstellen und so tun, als ob die Generation, die jetzt lebt, nichts getan hätte. Wenn ich mich erinnere, wie das Erzgebirge vor 30 Jahren aussah, dürre Bäume durch Umweltgifte, verunreinigte Bäche, kann ich nur sagen: Es hat sich vieles zum Positiven geändert. Da ist auch mal ein Stück Wertschätzung angebracht.
Und: Wir müssen über den Tellerrand schauen. Schweden oder Frankreich produzieren ihren Strom aus Atomenergie. Wir wollen kein Atom, aber auch keine Kohle. Nur mit Windrädern, die dann ja auch noch nicht richtig gewollt sind, wird es problematisch, unseren Energiebedarf stabil zu decken. Offen gestanden spielen wir mit unserer Wirtschaft, was ich für gefährlich halte.

KfZ-Steuer im ländlichen Raum streichen

Matthias Lißke: Ich wäre froh, wenn der ländliche Raum beim Thema ÖPNV mehr Unterstützung bekäme. Wenn ich sehe, was für Gelder in Großstädten in diesen Bereich fließen, müsste man bei uns als Ausgleich die Kfz-Steuer streichen, weil es unfair ist. Bei uns braucht ein 18-­Jähriger eben ein Auto, wenn er am öffentlichen Leben teilnehmen will, in der Stadt nicht.

Frank Vogel: Der ländliche Raum braucht einen gut getakteten ÖPNV und Schienenpersonennahverkehr (SPNV). Beides muss aber bezahlbar sein und bringt uns wieder zum Thema Fachkräfte: Es gibt beispielsweise immer weniger Busfahrer. Wer hat denn noch Lust, sonntags oder an Feiertagen hinter dem Steuer eines Buses zu sitzen?
Auf der einen Seite verlangen wir die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zum Beispiel über flexible Arbeitszeitmodelle. Auf der anderen Seite gibt es eine ganze Reihe von Berufen, wo wir erwarten, dass nahezu rund um die Uhr, 365 Tage lang Menschen für uns da sind.

Mit „Smart Rail Connectivity-Campus”, „Smart Composites Erzgebirge”, „rECOmine” und „Smart City Zwönitz” haben im Erzgebirge vier Zukunftsprojekte mit millionenschwerer Förderung begonnen. Was bleibt nach deren Abschluss im Erzgebirge hängen?

Matthias Lißke: Es zeigt, dass unsere Region mittlerweile auch ein Know-how entwickelt hat, um solche Projekte an Land zu ziehen. Früher sind sie woanders hingegangen. Wir haben Partner der Praxis und können damit die Verknüpfung des universitären Weges ausbauen. Das ist vor allem wichtig für junge Leute, um hier voranzukommen.
Es ist für die Fachkräftegewinnung ein starker Image-Faktor, wenn hier Netzwerke von hundert zum Teil international aufgestellten Firmen im Erzgebirge zusammenarbeiten. Wir arbeiten übrigens schon heute an neuen Projekten für die Zukunft. Wir müssen wegkommen vom Bild des verträumten Weihnachtslands hin zu einer innovativen Region, in der die Tradition das Sahnehäubchen ist.

Frank Vogel: Es sind drei Projekte, die die sehr positive Entwicklung im Erzgebirge in diesem Jahr zeigen. Damit schaffen wir es, dass aus dem ländlichen Raum Verbindungen in die Universitäten entstehen und zeigen, dass Zukunftstechnologie auch im Erzgebirge zu finden ist. Das halte ich für außerordentlich gut und wichtig.

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