Wie denn nun? Erzgebirger oder Erzgebirgler?

Typisch für unsere Region ist das Drechseln. Steht hier ein Erzgebirger oder eine Erzgebirgler an der Drechselbank?
Foto: Greg Snell/TVE

Der Streit um das kleine l wissenschaftlich erklärt…

„Erzgebirger“ oder „Erzgebirgler“? Seit Jahren wabert ein Meinungsstreit durch die Täler der Region, wird an meerwärts murmelnden Bächen geführt, schwappt über die Kuppen der hügeligen Berge. Die Wirtschaftsförderung wollte Klarheit und fragte einen Experten!
Daniel Schöller ist Sprachwissenschaftler an der Professur Germanistische Sprachwissenschaft, Semiotik und Multimodale Kommunikation beim Institut für Germanistik und Kommunikation (IfGK) an der TU Chemnitz.

Schöller: „Zunächst müssen wir uns die beiden Wörter sprachwissenschaftlich ansehen. Dabei ist zu erkennen, dass sich beide Wörter von der Form her lediglich durch ein -er bzw. ein -ler am Wortende unterscheiden. Mit beiden Elementen können aus einem Wort Personenbezeichnungen gebildet werden, die sich zum Beispiel auf eine Tätigkeit (Sport – Sportler, fahren – Fahrer), einen Beruf (Botschaft – Botschafter, Wissenschaft – Wissenschaftler) oder die Herkunft (Chemnitz – Chemnitzer, Freiberg – Freiberger) der Person beziehen.

Als solches Wortbildungselement wird -er heute vor allem an Verben (also z.B. fahren – Fahrer, lehren – Lehrer, denken – Denker) angehängt.
Der -ler wird dagegen viel lieber an Substantive wie Sport, Wissenschaft oder eben Gebirge usw. angehängt. Und dieses Vorgehen ist schematisch, das heißt, es ist ein Muster, das häufiger und typischerweise angewendet wird.“

Im Online-Duden ist nur das Stichwort Erzgebirgler verlinkt. Das Stichwort des Artikels beim Aufruf lautet „Erzgebirgler, auch Erzgebirger“. Regionale Zeitungen schreiben Erzgebirger, überregionale Erzgebirgler. Wie kann das sein? Und gibt es die eine „richtige“ Bezeichnung?

Schöller: „Zunächst fällt auf, dass die eine Form – Erzgebirger – die bevorzugte Eigenbezeichnung ist. Diese finden wir auch im Wörterbuch der Grimm Brüder. Die andere Form nicht. Der Erzgebirgler scheint dagegen häufig eine Fremdbezeichnung zu sein.“

Daniel Schöller. Foto: WFE

Dann holt erweiter aus, sagt: „Für die weitere Diskussion müssen wir berücksichtigen, dass Substantive in weitere Klassen unterteilt werden. So sind Substantive wie Tisch, Auto oder auch Berg und Gebirge Gattungsnamen. Mit ihnen werden z.B. konkrete Gegenstände bezeichnet, die auch in einer Vielzahl vorkommen.
Daneben gibt es die Klasse der Eigennamen. Mit ihnen werden Einzeldinge bezeichnet: z.B. ‚Chemnitz‘ als Stadtname.
Es gibt aber auch einen Übergangsbereich. Aus Gattungsnamen können Wörter zusammengesetzt werden, die dann als Eigenname dienen. Der Eigenname ‚Fichtelberg‘ für die höchste Erhebung in Sachsen ist ein Beispiel dafür. Wir meinen und denken mit „Fichtelberg“ nicht (mehr) an einen Berg mit vielen Fichten.“

Warum ist das wichtig? Herkunftsbezeichnungen, die aus einem Eigennamen abgeleitet sind, werden in großem Umfang mit -er abgeleitet (Chemnitzer, Lausitzer, Schwarzwälder, Schweizer und auch Freiberger). Bei einem geografischen Gattungsnamen ist darüber hinaus auch -ler möglich: Bergler, Gebirgler, Älpler, Südstaatler. Beim Erzgebirge stellen sich daher folgende Fragen: Wie gut ist der Eigenname? Wie viel Vorstellung „steckt“ noch in dem Wort?

Daniel Schöller: „Die beiden einfachen Wörter Erz und Gebirge sind Gattungsnamen. Ihre Bedeutung ist in gewisser Weise noch verstehbar und kann zusammengesetzt werden: Ein Gebirge, ein bestimmtes Gebirge, nämlich „aus“ Erz bzw. einem hohen Anteil an Erzvorkommen. Mit dieser Bedeutungsaufladung nähert sich der geografische Name einem Gattungsnamen an und tendiert damit zur Bildung mit -ler für „Person kommt aus dem Erzgebirge“.
Je mehr der geografische Name als ein typischer Eigenname aufgefasst wird, desto eher wird das Schema ‚Herkunftsname + er‘ und damit Erzgebirger wahrscheinlicher und zwingender.“

Das Fazit des Wissenschaftlers

Beide Formen – der Erzgebirger und der Erzgebirgler – folgen regulären grammatischen Wortbildungsmustern.
Die Frage ist, wie stark der geografische Name noch mit Bedeutung (begrifflichem Inhalt) seiner Wortbestandteile aufgeladen ist und wie viel Vorstellung dem Namen damit noch zukommt. Der Erzgebirgler kann tatsächlich abwertende und spöttische Bedeutung haben. Das häufige Vorkommen als Fremdbezeichnung kann diesen Eindruck verstärken. Der Erzgebirger ist als Form grundsätzlich neutral.

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