WM-Aus oder der Fluch des Titels

Joshua Kimmich (hier im Testspiel gegen Brasilien) konnte die Niederlage gegen Südkorea und das WM-Aus nicht verhindern. Foto: Daniel Unger

Der Flucht des Titel-Tores

Von Sven Günther
Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus! Weltmeister Deutschland scheitert in der Vorrunde, wie es auch den Titelträgern Frankreich (2002), Italien (2010) und Spanien (2014) passiert ist. 1958 in Schweden schaffte es die deutsche Weltmeister-Nationalmannschaft ins Halbfinale, scheiterte dort am Gastgeber. 1978 erlebten die 74er Weltmeister die Schmach von Cordoba, als man 3:2 gegen Österreich rausflog (Dieses „Jaja…I wer´ narrisch,Krankl schiebt ein…“ von Kommentator Edi Finger klingt noch heute in den Ohren). Und 1994 köpfelte der Bulgare Letschkow uns Weltmeister im Viertelfinale heim.

Doch nicht nur die Teams haben Probleme, mit der Last des Titels umzugehen. Helmut „Der Boss“ Rahn traf 1954 in Bern zum 3:2 gegen Ungarn aus dem Hintergrund. Gerd Müller „müllerte“ uns 1974 zum 2:1 nach Drehung um die eigene Achse in München zum Titel. Andreas Brehme schob 1990 in Rom gegen Argentinien per Elfmeterschuss mit rechts links unten ein und Mario Götze macht ihn, den WM-Titel-Siegtreffer, mittels Seitfallschuss in Rio de Janeiro wieder gegen Argentinien 2014.

Vier Männer. Vier Torschützen. Vier Titel. Vier Fußballer, denen nach dem goldenen Schuss das Glück abhandengekommen ist. Zwar gab es noch den einen oder anderen sportlichen Erfolg, doch zur alles überstrahlenden Lichtgestalt schaffte es keiner von Ihnen.

Der Fall Helmut Rahn.

Der 54er Weltmeister-Trainer Sepp Herberger wurde „Der Chef“ gerufen, Stürmer Rahn war „Der Boss“ und ist neben Paul Breitner der einzige deutsche Fußballer, der zwei Tore in WM-Endspielen erzielte. Gegen Ungarn traf er zum 2:2 aus spitzem Winkel. Sein 3:2-Siegtor („Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“) ist legendär.
Nach dem Titel-Tor gab es andere Schlagzeilen: Autounfall im Suff inklusive Schlägerei mit Polizisten. Doch Herberger hielt trotz Eskapaden am Stürmer fest, der bei der WM 1958 in Schweden immer noch sechs Tore schoss.
1959 wechselte Rahn von Essen nach Köln, musste einige Disziplinarstrafen hinnehmen, saß 1961 als Alkohol-Fahrer sogar im Gefängnis.
Als 1963 die Bundesliga startet, kickte Rahn für den Meidericher SV, flog als erster Spieler der BL-Geschichte nach einer Tätlichkeit vom Platz. 1964 endet die Sportkarriere, die er als Geschäftsmann nicht erfolgreich fortsetzen kann. Rahn zieht sich komplett zurück, spricht bis zu seinem Tod 2003 nicht mehr öffentlich über sein Siegtor.

Der Fall Gerd Müller

Die Experten sind sich einig: Gerd „Der Bomber“ Müller ist mit Abstand der wichtigste Spieler für den Deutschen Fußball. Nicht nur die Bilanz (68 Tore in 62 Länderspielen, 365 Tore in 427 BL-Spielen, 34 Tore in 35 Spielen des Landesmeister-Pokals) ist einmalig, auch die Art und Weise wie der Stürmer traf, bleibt unnachahmlich. „Es hat wieder gemüllert“, titelte der Boulevard. Nationalmannschaft und Bayern München schoss der Bomber in Umlaufbahnen, die bis heute Erfolg garantieren. Das Siegtor gegen Holland im Finale 1974 hätte wohl kein anderer Spieler markieren können.
Nach der WM trat Müller aus der Nationalmannschaft zurück, stürmte mit dem FC Bayern zu weiteren Titeln: 1975 und 1976 Sieg im Landesmeister-Cup (heute Champions-League). Mit dem Wechsel 1979 zu den Fort Lauderdale Strikers in die USA ging es abwärts. 1980 verlor er das Finale gegen Cosmos New York (mit Franz Beckenbauer). Müller beendete 1981 seine Karriere, blieb in Amerika, eröffnete ein Steakhaus und bekam Alkoholprobleme.
Die Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer überzeugten ihn 1991 von der Wichtigkeit eine Entziehungskur. Müller schaffte diesen Sprung, arbeitete als Stürmer-Trainer im Verein. 2015 diagnostizierte man beim „Bomber der Nation“ Demenz.

Der Fall Andy Brehme

Kaum ein anderer Kicker konnte beidfüßig derart präzise schießen, kaum ein anderer Kicker so rational-effektiv spielen wie Andreas Brehme. Vor dem WM-Final-Elfmeter 1990 gegen Argentiniens Torwächter Sergio Goycochea konnte er überlegen, ob er mit rechts oder links schießt. Er traf mit rechts ins linke Ecke. Das Weltmeister-Tor.
Brehme blieb nach dem Treffer im Verein bei Inter Mailand, holte 1991 den UEFA-Pokal. Über Real Saragossa kam er 1993 wieder zu seinem Heimatklub Kaiserslautern, erlebte Abstieg (in Erinnerung das tränenreiche Arm-in-Arm-Interview mit Sportkamerad Rudi Völler) und Wiederaufstieg samt folgendem Meistertitel 1998 mit, beendet seine Karriere.
Brehme versuchte sich dann als Trainer, schaffte 2001 den Einzug mit dem FCK ins UEFA-Cup-Halbfinale gegen Deportivo Alavés, in dem man aber 4:1 und 5:1 unterging. Wenig später die Entlassung. Weder als Trainer der SpVgg Unterhaching noch als Co-Trainer des VfB Stuttgart konnte der Weltmeisterschafts-Siegtorschütze Erfolge feiern.
Er zog sich zurück in Privatleben, wurde zuletzt als Berater des Traditionsclubs Vojvodina Novi Sad (Serbien) präsentiert.

Der Fall Mario Götze

„Mach ihn!“, rief Reporter Tom Barthels im WM-Finale 2014 gegen Argentinien in der 113. Minute – und Mario Götze machte ihn seitfallziehend mit Links. 1:0 gegen Argentinien. Weltmeister. Der vierte Stern.
Für den Offensiv-Wusler der Höhepunkt einer finsteren Zeit. 2013 war er von seinem „Herzensklub“ Borussia Dortmund für 37 Millionen Euro zu den Münchner Bayern gewechselt. Glücklich wurde er nicht, war häufig verletzt, kam unter Trainer Pep Guardiola selten zum Einsatz. Dessen Nachfolger Carlo Ancelotti legte Götze einen Wechsel nahe und der Offensivspieler ging zurück zum BVB.
Auch hier blieb er blass, war oft verletzt. Schließlich wurde bei ihm eine Stoffwechselstörung erkannt, die ursächlich für Verletzungen war. Nach monatelanger Pause spielte er in der Saison 2017/18 wieder für den BVB, fiel nach eine Kapselverletzung im November die restliche Hinrunde aus. Götze schaffte es nicht mehr, sich für den WM-Kader zu empfehlen.

Aber er hat die Chance, den Fluch des Titel-Tores zu brechen.

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