Zwischen Angst und Zuversicht – „Leere Stühle“ auch in Chemnitz

André Gruhle im Biergarten seines Chemnitzer Restaurants „Miramar“ auf dem Schloßberg. Foto: Judith Hauße

Jeder Stuhl ist ein plakativer Protest. Sachsens Gastwirte stellten in Dresden hunderte Stühle vor die Frauenkirche, deckten eine festliche Tafel. Eine Tafel, an die sich kein einziger Gast setzte. Es ist die Angst der Wirte. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Ähnlich wie in Dresden sollen auch an diesem Freitag in Chemnitz zahlreiche Stühle auf den Markt aufgestellt werden. Mit dabei ist auch der Chemnitzer Gastronom André Gruhle. Ihm ist es vor allem wichtig, dass die individuelle Gastronomie in Chemnitz bewahrt bleibt. „Es ist die breite Vielfalt und das gastronomische Miteinander, die das kulinarische Leben in der Stadt überhaupt ausmachen und die es zu schützen gilt“, so Gruhle.

Eine der Forderung der Gastronomen ist unter anderem die Einführung von sieben Prozent Mehrwertsteuer für das Gastgewerbe. Wie viele Gastronomen sehe auch André Gruhle in der Ermäßigung der Mehrwertsteuer seit Jahren eine Notwendigkeit. „Sie würde helfen, die aufgenommenen Kredite leichter zurückzahlen und Umsätze, die während der Schließung komplett wegblieben, wieder besser einholen zu können.“ Die Aktion „Leere Stühle“ sei daher eine dankbare Initiative, wie er sagt. „Sie zeigt die große Gemeinschaftlichkeit der Gastronomen untereinander und soll wachrütteln.“

Wann André Donath sein Turm-Brauhaus – wie auf dem Bild zu sehen – wieder öffnen darf, bleibt bislang unklar. Foto: Archiv

Wie André Gruhle unterstützt auch André Donath vom Turmbrauhaus in Chemnitz die Aktion „Leere Stühle“ am Freitag auf dem Neumarkt. Auch er ist froh über die Initiative. „Je mehr Gastronomen aus Chemnitz und Umgebung mitmachen, desto besser“, so Donath. „Es muss endlich ein Zeichen gesetzt werden. Denn mit dem Umsatzeinbruch werden wir nach der Krise noch lange zu kämpfen haben“, sagt er.

Neben dem Turmbrauhaus auf dem Neumarkt betreibt André Donath auch den Brauclub. „Allein dort haben wir im Jahr eigentlich bis zu 50.000 Gäste. Und wo es aber bisher ebenso ungewiss ist, wann wir den Club überhaupt wieder öffnen dürfen.“ Ein Problem, die Restaurants und Gaststätten wieder zu öffnen, sehe auch er nicht. „Aufgrund unserer großzügigen Fläche, die über zwei Etagen geht, der Biergarten vorm Haus miteingeschlossen, könnten wir sehr gut die vorgeschriebenen Hygiene- und Abstandsregeln einhalten. Wir sind darauf vorbereitet.“

Auch Tobias Gust, Restaurantchef im Kellerhaus am Schloßberg appelliert: „Wir wollen endlich einen konkreten Ablaufplan, an dem wir uns orientieren können. Sprich, wann dürfen wir wieder öffnen und unter welchen Bedingungen?“, so Gust, Der Einführung des Mehrwertsteuersatzes von sieben Prozent sieht er jedoch mit wenig Hoffnung entgegen. „Wenn wir noch Steuern wie zu Kaiserzeiten bezahlen, mache ich mir da wenig Hoffnung – auch wenn ich dies als große Ungerechtigkeit empfinde.“

Tobias Gust weist damit u.a. auf die Schaumweinsteuer hin, die 1902 vom Reichstag zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt wurde und heute immer noch gilt. „Die Begründung, Essen gehen sei als Luxusgut einzuordnen, sehe ich als völlig überholt.“

In der Froschschänke im Chemnitzer Stadtteil Gablenz habe man den Optimismus noch nicht ganz verloren. Seit der Schließlung widmet man sich Arbeiten, für die im laufenden Betrieb wenig Zeit blieb. In der Hoffnung, dass bald wieder Gäste begrüßt werden dürfen. „Sollte es in einem Monat doch endlich wieder losgehen, sind wir die letzten, die den Betrieb einstellen würden. Wir haben in den 28 Jahren Froschschänke schon viel erlebt.

Die aktuelle Situation jetzt ist zwar von allem das i-Tüpfelchen, aber die jahrelange Arbeit einfach so aufgeben, wollen wir nicht. Im Moment haben wir uns dahe

Ähnlich wie in Dresden, starten auch Chemnitzer Gastronomen die Aktion „Leere Stühle“. Foto: Privat

r aufgrund der geringen Nachfrage gegen einen Abhol- oder Lieferservice und für Renovierungsarbeiten entschieden“, sagt Geschäftsführer Ferenc Reisz, der den Familienbetrieb seit 2009 übernommen hat. „Zwar muss dafür erstmal wieder Geld investiert werden, doch wir hoffen auf die Zeit danach.“ Ferenc Reisz, seit 21 Jahren als gelernter Restaurantfachmann selbstständig tätig, weiß aber auch: „Noch länger würde uns finanziell aber doch sehr an die Grenze bringen.“

Zudem bleibt die Ungewissheit, ob nach der Öffnung überhaupt Veranstaltungen in der 250 Quadratmeter großen Froschschänke stattfinden dürfen. „Zählen zum Beispiel drei parallel statfindende Schulanfänge mit insgesamt 90 Personen bereits zu einer Großveranstaltung oder nicht? Ab wann gilt ein Event also als Großveranstaltung? Das bleibt bisher seitens der Landesregierung im Unklaren und erschwert uns die Planung“, so Reisz, der auch in der Aussage des Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, dass Infektionen in der Regel nicht im Baummarkt passieren würden, sie seien in der Gastronomie passiert, eine unglückliche Formulierung erkennt.

„Seit dem die Corona-Debatte aufgekommen ist, haben wir uns darum gekümmert, Sicherheitsabstände sowie Maßnahmen zur Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln einzuführen. Zudem war der Gästezulauf bereits zu Beginn der Corona-Krise und noch vor der einheitlichen Schließung geringer als sonst. Deswegen habe ich für eine derartige Aussage kein Verständnis.“

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